© Aargauer Zeitung / 2002-08-10

 

Die «Beckerfaust» in Schlossrued

FAUSTBALL · Deutschland beweist seine EM-Form und besiegt Sogipa (Bra) im Final klar

markus zinniker Über 600 begeisterte Zuschauer verfolgten die Halbfinals des internationalen Faustballturniers in Schlossrued. Im Ersten trafen die beiden Vereine Sogipa, neunfacher brasilianischer Meister, und Kremsmünster, die ewigen Dritten aus Österreich, aufeinander. Sogipa, welche den aktuellen Weltmeister-Schläger George A. Schuch, genannt Gorge, in ihren Reihen haben, machten mit den Österreichern kurzen Prozess. «Gorge servierte einfach zu stark», musste auch Kremsmünsters Trainer Winfried Kronsteiner nach der 12:15, 9:15-Niederlage einsehen. «Wir sind nun für den Final gerüstet. Doch Martin ist nicht zu unterschätzen.» Gorge beobachtete in den Gruppenspielen seinen «ewigen Gegner» genau: Martin Becker - in zwei Wochen bereits 38 Jahre alt, im Faustball gehört er aber noch lange nicht zum alten Eisen. Mehr noch, der Angriffsspieler ist sozusagen das Herz der deutschen Nationalmannschaft. Becker macht alle Services, schmettert den «dritten Ball» in die gegnerische Hälfte und kratzt verloren geglaubte Bälle aus den Ecken. Kurz, er ist der Schläger, wie er im Lehrbuch der Faustballer steht.

Eigentlich müsste jeder Trainer froh sein, einen solchen Mann im Team zu haben. Doch Udo Schultz ist momentan nicht gut auf das dunkelhäutige Kraftpaket zu sprechen: «Ein Becker ist nicht ersetzbar, leider. Nächste Frage!» Die Vorgeschichte ist jene, dass Martin Becker auf die EM in zwei Wochen aus persönlichen Gründen verzichtet. «Martin gab heute sozusagen sein Abschiedsspiel. Hoffentlich ist er in einem Jahr an der WM wieder dabei», meint Deutschlands Delegationsleiter Lothar Baade. «Die persönlichen Gründe» haben ihren Ursprung in Differenzen mit Trainer Schultz. Er bezeichnete Becker als trainingsfaul.

Im Semifinal aber waren Becker alle Querelen egal. Er wollte einfach spielen. Seine Hämmerschläge demonstrieren und natürlich gewinnen. Frustverarbeitung à la Becker eben. Bei Eigenfehlern fiel hie und da ein «Scheisse», doch dann machte Becker seine Faust und donnerte den Ball mit 160 km/h in die Spielhälfte Urfahrs. Aber auch die Österreicher hatten einen starken Schläger. Kurt Söser brachte die deutsche Verteidigung oftmals an den Rand der Verzweiflung. Becker jedoch motivierte seine Hinterleute immer wieder auf seine typisch prägnante Weise: «Auf gehts. Weiter jetzt.»

Der Halbfinal entwickelte sich zum regelrechten Nervenkrieg. Im alles entscheidenden dritten Satz behielt aber Team Deutschland die Nerven und schwang mit 16:14 oben aus.

Somit kam es zum Traumfinale Deutschland gegen Sogipa. Die brasilianische Mannschaft ist mit drei aktuellen Weltmeistern gespickt. 1999 konnten die Südamerikaner zur Überraschung vieler die Deutschen im WM-Final bezwingen. Dank Gorge in Hochform. Sein Gegenüber war - wie gestern im Ruedertal - Martin Becker.

«Jetzt gelang mir die Revanche doch noch!», schrie Becker nach gewonnener Schlacht auf dem Schlossrueder Rasen. «Dass das Feld in der Dämmerung immer feuchter wurde, kam Martin sicher entgegen», wusste Stefan Morgenthaler, einer der beiden Speaker. «Denn der nasse Rasen machte das Spiel noch schneller». Dank dieses «Temporausches» konnte Team Deutschland einen ungefährdeten Finalsieg feiern. «Jetzt wollen wir natürlich den EM-Titel», frohlockt Udo Schultz. Den müssen sich die Deutschen aber ohne die «Beckerfaust» holen.

«Ein Becker ist nicht ersetzbar, leider»

 
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Copyright © 2009 Stefan Morgenthaler / Stand: 25. April 2012